Von Portobello nach Cartagena

Puh, wie einfach könnte das Leben doch sein. Aber wir wollen ja entschleunigen – also entscheiden wir, dass wir nicht per Flieger in gut einer Stunde von Panama nach Kolumbien fliegen sondern stattdessen eine 5tägige Segeltour via die San Blas Inseln nach Cartagena/Kolumbien machen. Schließlich wollen wir ja neue Erfahrungen machen. Also heißt es „Segeln“ statt „Fliegen“.

Nachdem wir Gypsy nunmehr am Hafen von Colon zurück gelassen haben, gönnen wir uns ein zum fairen Preis von 30 US$ ein Taxi nach Portobello. Dort verbringen wir die Nacht vor dem Segeltrip in Captain Jack‘s Hostel. Beim Anblick unseres Nachtlagers wünschen wir uns augenblicklich Gypsy zurück Wie gut, dass wir normalerweise nicht in solchen Herbergen absteigen müssen! Leider hat der Ort den Namen Portobello auch nicht verdient und wir können es kaum abwarten, dass es am nächsten Tag los geht. Wir nehmen das Frühstück ein und um 10:00 Uhr sammelt der „Schiffsjunge Blair“ von allen Mitseglern die Reisepässe ein. Die Ausreise aus Panama erfolgt also bei der kleinen Behörde im Ort ohne unsere persönliche Anwesenheit – das ist mal einfach! Dann verbringen wir etliche Stunden mit Warten, bis endlich 15 Passagiere + 3 Motorräder + 3 Besatzungsmitglieder auf unserem Segelschiff „Wildcard“ sind und wir um 17:30 Uhr endlich in See stechen.

Schlauerweise haben wir uns mit Tabletten gegen Seekrankheit eingedeckt und auch gleich die erste Ration eingeworfen. Was sollen wir sagen – es herrscht ordentlich Seegang und ab 20 Uhr widmen wir uns einer neuen Beschäftigung: dem „Fische füttern“ – und zwar bis zur völligen Entleerung bis nur noch Magensäure den Weg nach oben findet. Wessen Idee war eigentlich der Segeltrip? Wie war das mit der neuen Erfahrung? Sch… drauf. Wo bitte ist die nächste Station zum Aussteigen? Wir wollen sofort an Land und ab in den Flieger.

Abendessen gefällig? Allein der Geruch von Spaghetti Bolognese aus der Bordküche führt zu Brechreiz. Die nächsten 12 Stunden fühlen sich wie eine Ewigkeit an. Doris schafft es nach mehreren Anläufen kurz vor Mitternacht bis in die Kabine – Torsten hält sich bis 5 Uhr morgens an der Reling fest. Ein Albtraum – und wir sind gerade erst gestartet. Aber laut unserem Kapitän John ist dies ja nur eine sogenannte „motion sickness“ - die echte Seekrankheit ist viel schlimmer. Was bitte kann noch schlimmer sein? Und haben wir schon erwähnt, dass der „Endspurt“ auf offener See zwischen 36-42 Stunden dauern wird???

Zum Glück erreichen wir morgens um 6 Uhr den ersten Ankerplatz vor den San Blas Inseln - karibische Trauminseln und ruhigeres Wasser!

Die Inseln sind im Besitz der panamesischen Ureinwohner, den „Kuna“. Diese indigene Bevölkerung lebt noch ganz traditionell in Palmwedelhütten, die Männer fahren mit dem Einbaum zum Fischen und die Frauen tragen bunte Trachten und kunstvoll drapierte Perlenbänder an Armen und Unterschenkeln. Näh-/Stickarbeiten und Perlenbänder werden den Touristen angeboten und die Männer verkaufen ihren Fischfang an die Segler. So verdienen sich die Kuna ein wenig Geld. Eine völlig andere Welt, die unterschiedlicher nicht sein kann, als diese, in die wir durch Zufall hineingeboren wurden. Mit dem kleinen Beiboot schippern wir zu einer dieser Inseln und werden auf einen Dorfrundgang willkommen geheißen – allerdings zahlt der Kapitän hierfür „Eintritt“ und wir erhalten von ihm Kekse, die wir an die vielen Kinder verteilen sollen. Obwohl das für uns ein interessantes Erlebnis ist – wir fühlen uns dabei unwohl, irgendwie kommen wir beide uns „schlecht“ vor. Ist ja fast wie im Zoo, nur dass wir keine Tiere sondern Menschen bestaunen. Eine Gratwanderung zwischen „Unterstützung durch Eintritt/Spende“ und „Touristenattraktion“. Aber mit respektvollem Verhalten, Lächeln, Gitarre spielen, klatschen und singen und natürlich Fußball spielen schaffen wir es gemeinsam, die Barriere zwischen den beiden Welten ein wenig aufzubrechen – zumindest bei den Kindern. Da sind die Unterschiede plötzlich gar nicht mehr so groß, denn egal in welchem Land oder in welchen Lebensverhältnissen die Kinder aufwachsen - alle lieben es zu spielen, Musik zu hören oder aber Süßigkeiten zu essen. Schön, wie gleich die Welt dann doch wieder ist.

Die nächsten beiden Tage verbringen wir dann mit Schnorcheln, im „karibischen Pool“ baden, am Strand rumgammeln, Lagerfeuer machen, lecker Fisch und Langusten essen und neue Reisebekanntschaften machen. Ist doch schön so eine Segeltour!

Zum Glück haben wir uns mittlerweile ein wenig an das Geschaukel gewöhnt und die Tablettenration erhöht. Mit Zuversicht sehen wir der langen Etappe nach Cartagena entgegen. Der Wind ist nicht unser Freund und so dauert diese finale Runde dann satte 42 Stunden. Die meiste Zeit ist nur das weite Meer zu sehen – kein anderes Schiff, keine Insel, kein Festland. Da fällt es schwer einen Punkt zu fixieren und das Geschaukel zu ignorieren. Das Boot wippt vor und zurück, schwankt nach links und nach rechts. Ist wie nonstop Achterbahn fahren. In unserem recht großen Bett in der Kabine kullern wir hin und her – stabile Seitenlage ist angesagt. An Lesen, Stricken, Fotos bearbeiten oder Blog-Einträge schreiben ist nicht zu denken. So wird die Überfahrt dann ganz schön lang. Also lang, nicht besonders schön. Aber immerhin schaffen wir es, nicht mehr seekrank zu sein.

Für eine tolle Abwechslung sorgt am Morgen des vierten Tages eine ganze Gruppe Delphine, die recht lange neben unserem Boot herschwimmt und uns mit gekonnten Sprüngen erheitert. Sieht fast so aus, als ob sie mit dem Boot und den Wellen spielen und uns ablenken wollen. Ein total schönes Erlebnis was für vieles andere entschädigt.

Fazit: Wir werden den Segeltörn in guter Erinnerung behalten. Die wunderschönen San Blas Inseln und ihre Einwohner, sehr nette Menschen, die wir auf dem Boot kennen gelernt haben, faszinierende Delphine, wunderbare Strände, super frischen Fisch und die Erfahrung, 5 Tage mit 18 Personen auf einem kleinen Segelschiff zu verbringen waren etwas Besonderes. Wir bereuen es nicht – aber einen weiteren längeren Segeltörn machen WIR wohl nicht!