Abenteuer Friseurbesuch

Als erstes traut sich Doris zum Friseur. Nach 8 Monaten auf Reise sind wieder mal blonde Strähnen fällig. Also suche in der Stadt Patzcuaro nach einem Friseursalon. Den Ausdruck „Salon“ verdient keiner der winzigen Läden und so entscheide ich mich für das Geschäft von „Mary“, bei der am Vortag viel los war. Heute bin ich wohl die einzige Kundin und Mary samt Teenager-Tochter schrecken vom Warte-Sofa auf. Mit dem Baby auf dem Arm lümmelt der Teenager-Schwiegersohn weiterhin dort rum und bewegt sich geschlagene 2 Stunden nicht weg – schließlich läuft irgendeine Seifenoper im Mini-TV.

Bestens vorbereitet mit einer spanischen Übersetzung erkläre ich Mary, dass ich blondierte Strähnen haben möchte. Sie nickt und kommt mit einem Buch zur Farbauswahl zurück. Mist denke ich, taugt wohl nix meine Übersetzung, denn ich will keine Coloration sondern blondierte Strähnen. Also erkläre ich, dass die Blondierung mit einem Pulver angerührt wird, welches dann blau wird. Claro! Jetzt holt sie eine Dose „Platinoxygen“ aus dem Regal und ich nicke zustimmend. Damit auch nichts schief geht zeige ich ihr noch ein Foto von mir mit meiner Wunschfrisur und los geht’s. Mary teilt die Haare ab, pinselt die Strähnen mit der Blondierung ein, wickelt sie in Alufolie – wie in Deutschland. Ab und zu werde ich aufgefordert kurz aufzustehen und mich zur Seite zu drehen – tja, ein Drehstuhl wäre echter Luxus. Aber es kommt noch besser. Während die Blondierung einwirkt herrscht hinter mir rege Betriebsamkeit und es werden zwei große Kübel mit Wasser herangeschleppt. Von den Damen versteht sich – der Schwiegersohn glotzt TV. Mich durchzuckt innerlich die Frage, wo denn in diesem kleinen Laden das Waschbecken ist…nirgendwo stelle ich fest. Oha, ich werde nervös. Als es Zeit zum Abspülen ist bittet mich Mary eine Etage nach oben. Die unverputzte Treppe geht nach einigen Stufen in eine Baustellen-Holztreppe über und oben angekommen trifft mich fast der Schlag: Im Dachgeschoss herrscht die totale Chaos-Baustelle: Im Dach klafft ein etwa 1x1 m großes Loch durch welches ich den blauen Himmel sehen kann. Weder sind die Wände verputzt noch gibt es einen Bodenbelag. Überall liegen Zementsäcke und Bauhölzer herum. Und mittendrin im Chaos stehen ein alter Klappstuhl und eine Küchenspüle. Auf dem Klappstuhl sitzend entfernt Mary mir die Alufolien und dann darf ich mich vor die Spüle stellen, den Kopf über das Becken halten und schon fließt lauwarmes Wasser über Haar und Gesicht. Augen zu und durch…Ich kann nicht sagen, ob es sich bei dem Wasser um das in Bottichen herangeschleppte handelte, ist ja auch egal.

Wieder unten angekommen geht es ans Haare kämmen. Mangels einer Haarspülung oder Kurpackung ziepen meine Haare ganz ordentlich aber ich ertrage es tapfer und das Haareschneiden macht Mary wie ein Profi. Zum Föhnen darf die Tochter kurz ans Werk, das Finish übernimmt dann wieder Mary. Mit dem Resultat bin ich voll zufrieden – und mit dem Preis auch: 300 Pesos = knapp 17 €!

Mary, die Tochter und auch der stinkfaule Schwiegersohn sind mit dem Ergebnis zufrieden und verabschieden mich ins Wochenende.

 

Nach den guten Erfahrungen von Doris in Patzcuaro denke ich (Torsten) mir, dass ein professioneller Haarschnitt nicht schaden kann - schließlich schneide ich mir seit Reisebeginn die Haare selber. Klappt ganz gut, nur seitlich und am Hinterkopf besteht noch Verbesserungspotential. Also springe ich nach dem Museumsbesuch in Guanajuato noch schnell in den kleinen Salon. Die Fragen sind die gleichen wie in Deutschland:

1. Mit der Hand schneiden oder mit der Maschine? Antwort: Maschine.

2. Alles mit der Maschine? Antwort: Ja alles! Was gibt es da noch zu unterscheiden :-).

3. Wie viel Millimeter? Klare Antwort: Diez Millimetros = 10 Millimeter.

Bis dahin also wie in Deutschland, jetzt kommen die mexikanischen Feinheiten: Den Aufsatz für 10 Millimeter findet die junge Dame nach kurzem Herumkramen leider nicht. Na ja, dann eben 15 Millimeter. Ok, der Aufsatz für 15 Millimeter ist vorhanden. Noch mal ein kurzer Sprach-Check mit Doris: Ja, 15 Millimeter. Los geht’s! Ruck-zuck schert die Friseurin gleich mal eine ganze Bahn am Hinterkopf kahl! Kurzes Erschrecken von Doris und gleichzeitig schert die junge Dame die nächste Bahn seitlich und ich erblasse kurz. Mein energisches „STOP“ kommt wohl etwas spät - die Dame rasiert mir gerade den Schädel kahl! Doris meint zur Friseurin (die diesen Beruf vermutlich nie erlernt hat), dass das niemals 15 mm sind. Doch, doch, ist sich die Tussi ganz sicher und blickt nochmals auf den Schneidaufsatz und bestätigt die 15 mm. Nie im Leben, meinen Doris und ich. Dann ein prüfender Blick von Doris auf den Aufsatz und schon kann sie sich vor Lachen kaum noch halten: Statt 15 mm steht dort 1,5 mm! Kleiner Irrtum – kann ja mal passieren, oder? Meine Stimmung sinkt gewaltig und ich bin gerade mal gar nicht entspannt – im krassen Gegensatz zur Friseurin, die das völlig kalt lässt. Wer jetzt denkt der Fehler sei ihr peinlich – weit gefehlt! Sie lächelt freundlich, ist völlig entspannt und sich keiner Schuld bewusst. Je mehr ich mich aufrege umso mehr muss Doris lachen und die Friseurin lächelt einfach weiter – mit dem Scheraufsatz in der Hand. Wir rätseln, wie die Frisur irgendwie zu retten ist. Da hat die Fachfrau den ultimativen Lösungsvorschlag: Sie schneidet auf der Höhe des Desasters (also auf mindestens der unteren Hälfte) mit dem 1,5 mm Aufsatz und der Rest am Oberkopf bleibt einfach lang!?! Ich denke nur, dass ich mir nächstes mal auf jeden Fall wieder selber die Haare schneide und protestiere lautstark. Ich will doch nicht wie ein Mönch rumlaufen! Schlussendlich einigen wir uns auf eine Angleichung von 1,5 mm und 6 mm. Von Vorne ist das Kunstwerk halbwegs zu ertragen und von hinten sehe ich mich zum Glück nicht.

Im Endeffekt bin ich mal wieder um eine Erfahrung reicher und das für nur ca. 2,10 Euro.